MSB: Haben Sie auch alles gut verarbeitet?
Interview mit Christoph Strawe und Steffen Lehndorff
Von Pascal Beucker

junge Welt

Am vergangenen Wochenende trafen sich ehemalige Mitglieder des MSB Spartakus. Welche Bedeutung hatte der Marxistische Studentenbund für Sie?

Steffen Lehndorff: Der MSB Spartakus hatte drei Bedeutungen: Die eine Bedeutung ist die jeweils individuelle für die Biographien der Beteiligten. Das ist für mich eigentlich das Wichtigste im Rückblick. Die zweite Bedeutung ist die, daß er Teil einer Linksentwicklung von Teilen der deutschen Intelligenz gewesen ist, der deutschen Hochschulintelligenz. Wir waren Teil einer großen gesellschaftlichen Veränderung. Wir haben mit unseren sehr bescheidenen Kräften einen aktiven Beitrag geleistet zu einer Öffnung von Teilen der studierenden Intelligenz zur Arbeiterklasse. Dann gibt es noch eine dritte Seite: die Tatsache, daß der MSB Spartakus sich als Bestandteil der weltweiten kommunistischen Bewegung verstanden hat.

Was bleibt vom MSB im Rückblick?

Steffen Lehndorff: Es gibt nicht das Erbe, sondern es gibt die Erben und Erbinnen – das sind wir.

Also beispielsweise Franz Sommerfeld oder Tissy Bruns, die heute in bürgerlichen Blättern schlechte Artikel schreiben?

Steffen Lehndorff: Die gehören auch dazu. Jeder ist für sein Leben selber verantwortlich. In einem Teil unseres Lebens haben wir zum Teil sehr eng politisch zusammengearbeitet. Das hat den größten Teil unseres damaligen Lebens ausgemacht. Wir sind danach sehr verschiedene Wege gegangen – politisch wie beruflich. Was wir mitnehmen aus dieser Zeit, ist unsere individuelle Entscheidung, und die kann sehr verschieden ausfallen, weil wir ganz verschiedene Menschen sind.

Das ist banal.

Steffen Lehndorff: Na gut, aber wir haben damals die jeweils individuelle Entwicklung nicht ernst genug genommen. Wir haben das Gemeinsame sehr stark in den Vordergrund gestellt und das persönliche Leben an den Rand gedrängt. Das ist in solchen Organisationen, vor allem in dieser Aufbruchstimmung Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre wahrscheinlich gar nicht anders denkbar gewesen. Heute ist entscheidend, wie wir diese Zeit jeweils individuell verarbeiten. Ich denke, daß auch der größte Teil der Leute, die eine MSB- oder DKP-Vergangenheit haben, im politischen Spektrum der Bundesrepublik immer noch links steht. Auch wenn sie heute vielleicht leugnen, daß es so etwas gibt wie links und rechts. Daß sie es leugnen, ist auch Teil ihrer politischen Biographie.

Christoph Strawe: Ich habe persönlich Probleme mit dem Begriff der linken Politik, ich spreche lieber von sozialer Erneuerung. Wenn ich meinen politischen Ansatz heute charakterisieren sollte, müßte ich für mich sagen, daß ich Menschen aus verschiedenen politischen Lagern, die vernünftig sind, zusammenzubringen will, damit man gemeinsam vernünftige Veränderungen auf den Weg bringen kann. Also für mich sind die Sachfragen entscheidend. Mein Problem mit der Linken ist, das eben von der Linken – und wir sind ja auch mitschuldig – manches ausgegangen ist, was eigentlich im Widerspruch steht zu einer emanzipatorischen Politik, die nicht Menschen bevormundet, sondern die Handlungsräume aufmacht für Menschen und diese Handlungsräume schützt.

Haben Sie sich bei einem solchen Veteranentreffen überhaupt noch etwas zu sagen?

Steffen Lehndorff: Ja, durchaus. Es sind ja alles gesellschaftlich engagierte Leute gewesen, und in den meisten Fällen sind sie es auch heute noch, nur in völlig anderen Formen und natürlich in aller Regel auch mit anderen Inhalten als damals. Aber das ist doch schon mal was Gutes in der heutigen Zeit.

Gibt es denn noch politische Gemeinsamkeiten in einem solchen Kreis?

Christoph Strawe: Das ist individuell sehr verschieden. Es gibt den einen oder anderen, der ist noch in der DKP, da würde ich sagen, es ist schwierig mit politischen Gemeinsamkeiten. Es gibt aber auch viele, mit denen man viel zu besprechen hat: Man sich freut, daß man sich mal wieder getroffen hat.

Dr. CHRISTOPH STRAWE, 48, begann seine hochschulpolitische Karriere im SDS. Er gehörte zu den Mitbegründern des MSB Spartakus, dessen erster Vorsitzender er von Mai 1971 bis Februar 1974 war. Anfang der 80er Jahre wechselte er vom Marxismus-Leninismus zur Antrophosophie. Er lebt in Stuttgart.
Dr. STEFFEN LEHNDORFF, 49, kam 1971 vom SHB zum MSB. Von Februar 1974 bis Oktober 1977 war er MSB-Vorsitzender. Danach wurde er DKP-Funktionär. 1989 verließ er die Partei. Er lebt in Köln.

Quelle: junge Welt vom 04.06.1996.